Es gibt Tage, da sitzt man in Meetings, hört die wildesten Theorien und fragt sich mitten in der Diskussion:
Hält man das wirklich für eine gute Idee oder ist das bloß Aktionismus mit Ansage?

20 Jahre Marketing hinterlassen Spuren gute, schlechte und manche, die man lieber nie in einem KPI-Dashboard sehen möchte.

Ich erinnere mich noch an meine ersten Kampagnen im TV, Radio und Print groß gedacht, laut kommuniziert, teuer bezahlt.
Heute klickt man sich durch Dashboards, schiebt Zielgruppen wie Schachfiguren und nennt es „Performance“.
Und trotzdem bleibt die ewige Frage:
Was funktioniert wirklich?

Hier mein ehrlicher, leicht sarkastischer Rückblick.


1. Differenzierung – der heilige Gral, der keiner ist

„Wir brauchen ein USP!“ Wenn ich für jedes Mal, dass ich das gehört habe, einen Euro bekommen hätte, würde ich diesen Blog gerade aus einem Strandhaus auf Kreta schreiben.
Die Wahrheit: Die meisten Menschen kaufen nicht, weil deine Marke einzigartig ist, sondern weil sie sie kennen.
Byron Sharp hat’s wissenschaftlich belegt mentale Verfügbarkeit schlägt „Storytelling mit Glitzer“.
Oder einfacher gesagt: Hauptsache, sie erinnern sich an dich, wenn sie im Supermarkt stehen.


2. Loyalität – das Märchen von den ewigen Kunden

„Pflegt eure Bestandskund:innen!“ Ja, eh. Aber Wachstum entsteht selten im Kreisverkehr.
Marken wachsen, wenn sie neue Käufer:innen rekrutieren. Punkt.
Also investiert in Service, nicht in Treueillusionen. Loyalität ist nett, aber selten skalierbar.
Ich nenne das gern den Retargeting-Fasching: teuer, laut und bringt am Ende – nun ja – nicht viel.


3. Gewinnspiele – für die Masse

„Mehr Reichweite, mehr Follower = mehr Erfolg!“ klingt gut – ist aber oft das Marketing-Äquivalent zu „Mehr Salz = besseres Essen“.
Menschen nehmen an Gewinnspielen teil, weil sie gewinnen wollen nicht, weil sie sich für deine Produktseite interessieren.
Gewinnspiele sind nett, aber selten echte Wachstumstreiber.


4. Content-Massenproduktion – Quantität frisst Qualität

Ich habe schon Content-Pläne gesehen, da standen fünf Blogposts pro Woche. Fünf!
Qualität schlägt Masse und zwar seit dem Moment, als Menschen aufgehört haben, Wikipedia zu lesen und stattdessen ChatGPT, Perplexity & Co fragen, bevor sie kaufen.
Lieber ein guter Text mit Substanz als zehn lieblos optimierte SEO-Klone.


5. Social Media – Follower sind keine Währung

Ich erinnere mich an einen Pitch, bei dem jemand stolz 150.000 Follower präsentierte aber null Interaktion mit seinem Content.
Follower sind nett fürs Ego, aber Engagement schlägt Vanity-Metriken.
Lieber 500 Menschen, die zuhören, als 50.000, die weiterscrollen.


6. E-Mail – der Zombie, der nicht sterben will

Totgesagt, wiederauferstanden, erfolgreicher denn je.
E-Mail-Marketing ist wie Schallplatten: Qualität gewinnt und gut gemachte Newsletter umso mehr.

Und ja, das bedeutet: kein „Hallo {FIRSTNAME}“-Spam, sondern echte Relevanz und Automatisierung, die Sinn ergibt.


7. Mobile – der ewige Nachzügler

„Wir optimieren Mobile später“ ist der Satz, der mich 2025 immer noch triggert.
Mehr als die Hälfte des Web-Traffics kommt über Smartphones und wer Mobile UX als Beilage behandelt, braucht sich über hohe Absprungraten nicht wundern.
Mobile first ist kein Trend, sondern schlicht Realität.


8. Love Brand – der Trugschluss, dass Menschen deine Marke lieben

„Unsere Kund:innen lieben uns und sind uns ewig treu!“ – Nein, keine Kund:in liebt dich. Sorry.
Niemand wacht morgens auf und denkt an deine Marke. Menschen lieben Menschen, nicht Waschmaschinen, Kaffeemaschinen oder Banken.
Deine Marke ist bestenfalls sympathisch verfügbar, nicht emotional unersetzlich.


9. CLV – die Mathematik der Selbsttäuschung

Ich liebe Zahlen aber manchmal sollte man sie nicht zu sehr lieben.
Der Customer-Lifetime-Value ist ein schöner Indikator, aber kein Allheilmittel.
Ohne stetige Neukundenakquise ist jeder CLV nur ein nostalgischer Blick in die Vergangenheit.


10. Marketing – keine Kunst, sondern eine Wissenschaft

Klingt unromantisch, ist aber wahr: Marketing ist messbar.
Wer heute noch nach Bauchgefühl schaltet, kann gleich die Würfel rollen.
Daten, Forschung, Wiederholbarkeit das ist kein Kreativ-Killer, sondern die Basis für echte Wirkung.
Oder, um Byron Sharp zu zitieren: „Wachstum ist kein Mysterium, sondern Mathematik.“


Fazit: Die No-Bullshit-Formel

Nach 20 Jahren, zahllosen Präsentationen, Meetings und Diskussionen mit Agenturen, Vermarktern und Branchenkolleg:innen über „Purpose“ bleibt unterm Strich:

• Reichweite maximieren – mental und physisch
• Neue Käufer:innen gewinnen, statt in Loyalitätsschleifen zu tanzen
• Qualität vor Quantität – in Content, Kanälen und Meetings 😉
• Flexibel bleiben – Daten lesen, Glaubenssätze hinterfragen
• Weiterbilden, weiterbilden!

Der Rest ist – naja – Bullshit eben.