In meinem letzten Beitrag habe ich mich gefragt, ob wir im Zeitalter der KI-Suche und der neuen alten Prioritäten überhaupt noch die richtigen Dinge priorisieren. Die Karten im Marketing werden gerade neu gemischt und während viele noch versuchen, ihr altes Zielgruppen-Excel zu retten oder mit Kampfpreisen veraltete Modelle anzupreisen, verändert sich das Spielfeld schneller, als man „Segmentierung“ buchstabieren kann.

Genau hier lässt mich folgender Gedanke nicht los: Vielleicht ist nicht das „Was“ unser Problem, sondern das „Wie wir darüber denken“.

Von Zielgruppenliebe und Realitätsschocks
Wir alle sind groß geworden mit dem Mantra: „Segmentiere deine Zielgruppe, positioniere dich klar, sprich präzise.“ Du musst deine Zielgruppe dort erreichen, wo sie stattfindet. Das klingt sauber. Das klingt wie aus dem Marketing-Lehrbuch.

Aber können wir das wirklich? Und ist das überhaupt sinnvoll? Wissen wir überhaupt, wo diese Zielgruppen „stattfinden“?

Hier kommt STP ins Spiel – eine der klassischen Denkweisen im Marketing.
STP steht für Segmentierung, Targeting und Positionierung. Also: Erst wird der Markt in sinnvolle Teilgruppen segmentiert, dann wählt man die vermeintlich attraktivsten davon aus (Targeting), um schließlich eine klare Markenposition für genau diese Gruppe zu entwickeln. In der Theorie elegant. In der Praxis oft… na ja… realitätsfern.

Denn mal ehrlich: Wo sind denn die empirischen Belege dafür? Wo sind die Ergebnisse, wenn das getestet wird?
Marketing sollte keine Religion sein.

Und genau das ist der Punkt: Wir glauben zu oft an Theorien, weil wir sie schon immer geglaubt haben – nicht, weil sie messbar funktionieren.

Butter statt Diamanten
Marken wachsen nicht, weil sie besonders spitz positioniert sind oder eine treue Nische an sich binden. Sie wachsen, weil sie von mehr Menschen gekauft werden – gelegentlich, zufällig, beiläufig.

Die entscheidenden Erfolgsfaktoren?

Mentale Verfügbarkeit: Die Marke kommt uns in den Sinn.

Physische Verfügbarkeit: Die Marke ist leicht auffindbar und kaufbar.

Vertrauen und Bekanntheit: Die Marke fühlt sich vertraut an.

Das ist das Fundament der Market-Based Assets Theory. Anders gesagt: Was bringt mir die schönste Positionierung, wenn mich keiner kennt?

Die Ironie des Targetings
Manchmal ist es fast lustig, wenn jemand von hyperpräzisem Targeting schwärmt – als ob man beim Dating nur Menschen ansprechen dürfte, die denselben Lieblingssong beim Joggen hören.

Marktwachstum entsteht nicht durch Exklusivität, sondern durch Reichweite.
Marken gewinnen, wenn sie viele ansprechen – nicht wenige perfekt.

Warum wir Marketing neu denken sollten
Vielleicht brauchen wir gar keine neuen Buzzwords. Vielleicht brauchen wir einfach mehr Demut vor dem, was Daten uns zeigen.

Statt auf die nächste Segmentierung zu warten, sollten wir uns fragen:

- Wie präsent ist meine Marke wirklich im Kopf der Menschen?

- Wie leicht kann man mein Produkt finden und kaufen?

- Wie vertraut fühlt sich meine Marke an?

STP kann helfen – aber es darf nicht zum Dogma werden.

Denn: Marketing ist keine Religion. Es geht um Menschen, nicht um Formeln.